Dialog statt Bußgelder und Verweise (PNP vom 10.04.2019) von Reinhard Wilhelm

„Fridays for Future“ ist Thema am Wilhelm-Diess-Gymnasium – Auch ohne große Streiks
Stichwort „Fridays for Future“. Was ist los am Gymnasium Pocking? „Nein, dieses Thema jetzt bitte nicht!“ So sagte das der Schulleiter des Wilhelm-Diess-Gymnasiums, Martin Thalhammer, zwar nicht, aber ein lautloses Flehen war seiner zögerlichen Antwort zum Thema Schüler-Streiks für den Klimaschutz schon zu entnehmen. „Streiks sind doch schon lange kein Thema mehr an unserer Schule“, erklärt er beschwichtigend, und so solle es auch bleiben. Er will nicht, dass diese Thematik jetzt künstlich wieder „hochgekocht“ wird. Verständlich – aus seiner Sicht. Thalhammer ist halt froh, dass er diese Sorgen derzeit nicht hat. Zumindest nicht in dem Umfang wie seine Kollegen andernorts.

Benedikt Weber diskutiert mit dem Minister

In vielen Teilen Bayerns wurde auch letzten Freitag wieder gestreikt. Und noch ist kein Ende in Sicht. 270 Schüler aus Niederbayern, Oberbayern und Schwaben wurden gar eingeladen, diskutierten letzten Freitag in München bei der Jugendklimakonferenz als Reaktion auf die Schülerproteste mit Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber. Und das alles sehr medienwirksam. Mittendrin: Benedikt Weber (19), angehender Abiturient am Pockinger Wilhelm-Diess-Gymnasium (siehe Interview unten).
Die Woche zuvor erhielt die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg – sie hatte „Fridays for Future“ ins Rollen gebracht – den deutschen Fernsehpreis „Die Goldene Kamera“. Und dazu gab es vom ausschließlich prominenten Publikum aus Film, Wirtschaft, Kirche und Politik stehende Ovationen. Das Thema bewegt mehr denn je, es polarisiert.

Ob Schüler wegen des Klimas dem Unterricht fernbleiben dürfen, das müssen vor Ort die Schulleiter entscheiden – aber auch da gehen die Meinungen weit auseinander. Der Streit um die Schüler, die am Freitag lieber demonstrieren statt zur Schule zu gehen, bricht sich selbst unter ihresgleichen öffentlichwirksam Bahn und hat zudem längst die höchste politische Ebene erreicht. Es sei richtig, „dass ihr uns Dampf macht“, sagte etwa die Bundeskanzlerin zu den Schülern. Ja, was meint sie jetzt mit „Dampf machen? Was ist Recht und was richtig?“ Das fragen sich nicht nur die Schüler.

Mehr als sechs Wochen ist es schon her, dass Oberstudiendirektor Martin Thalhammer einer Handvoll seiner rund 750 Gymnasiasten für eine Streikaktion ums Klima befreite. Es war seine Entscheidung. Und seither sei diesbezüglich wieder Ruhe eingekehrt am Wilhelm-Diess-Gymnasium.
Das heißt freilich nicht, dass der Klimaschutz und die damit einhergehenden Streiks am Pockinger Gymnasium tabuisiert werden. „Ganz im Gegenteil“, sagt Thalhammer. Er will über die Aktion „Fridays for Future“ und den Klimaschutz gerne reden und tut es auch, wenn er darauf angesprochen wird – aber eben am liebsten nur innerhalb seiner Schulfamilie. Jetzt, da zumindest in Pocking die Wogen geglättet scheinen, das Gymnasium auch am letzten Freitag mit Streiks weitgehend nichts zu tun hatte, dafür aber nachmittags traditionell zum „Tag der offenen Tür“ samt begrüntem, ökologisch wertvollem Schulgarten einlud und weil auch das Abitur immer näher rückt, will Thalhammer diese Öffentlichkeit eigentlich nicht.

Unentschuldigt fehlen wird nicht geduldet

Dass ein Kollege in München nun Bußgeldbescheide gegen die Erziehungsberechtigten streikender Schüler erlassen will, kommentiert Martin Thalhammer so: „Ich bevorzuge den Dialog. Unsere Schüler sind doch auch alle sehr einsichtig. Sie sind wirklich brav – und ich bin es auch (lacht). An unserer Schule kann auch jeder einmal am Freitag frei bekommen“, um für den Klimaschutz Flagge zu zeigen. Die Schüler müssten das halt bei ihm beantragen und bei nicht Volljährigen brauchte es hierfür auch die Erlaubnis der Eltern. Das erwartet er als Chef. Das sei ein ganz normaler Vorgang. Wie auch in der Berufswelt. Und daran hätten sich seine Schüler bislang auch alle gehalten. Unentschuldigte Abwesenheit vom Unterricht dulde er grundsätzlich nicht.
Thalhammer muss halt, wie alle seine Kollegen, den Spagat hinbekommen, einerseits alles dafür zu tun, um den Schulbetrieb den Vorschriften entsprechend aufrecht zu erhalten und andererseits Verständnis dafür zeigen, dass sich die Jugend um ihre Zukunft Gedanken macht und sich politisch engagiert. Auf das „Wie“ kommt es ihm halt an. „Sie sollen sich ja engagieren und das befürworten wir doch auch“, sagt Thalhammer, aber halt nicht ausgerechnet während der für sie so wichtigen Unterrichtszeit. „Wir sprechen ja in den Klassen darüber, zeigen Lösungsansätze auf, wie jeder Einzelne auch daheim etwas für den Klimaschutz tun kann. Etwas tot zu schweigen, ist keine Lösung. Aber nach wie vor gilt: Wir sind Schule!“ Und Streiks stünden halt nicht im Lehrplan.

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aktualisiert: 03.04.2019