Wieder auf Kurs (PNP vom 03.05.2018) von Karin Seidl

Direktor Martin Thalhammer steuert seine Schule auf ein neues, neunstufiges Gymnasium zu
Verzweifelte Eltern, überforderte Kinder, schimpfende Lehrer – am achtstufigen Gymnasium haben wenige ein gutes Haar gelassen. Mögen reihum Pädagogen über das G8 auch noch so laut geschimpft haben, Martin Thalhammer, der Direktor des Pockinger Wilhelm-Diess-Gymnasiums, hat die Situation immer recht unaufgeregt betrachtet. Auch jetzt, wo feststeht, dass aus dem G8 wieder ein G9 wird, lässt er sich zu keiner negativen Aussage hinreißen. "Warum? Wir hatten einen Mercedes mit einer super Ausstattung, und nun kriegen wir einen Porsche."

"Mit kreativen Ideenneue Lösungen anbieten"

Mit diesem Porsche, wenn man im Bild bleiben will, sollen die Kinder und jungen Erwachsenen auf nichts weniger als auf eine Zeit vorbereitet werden, in der sie modernste Technik überrollen wird. Es könne gut sein, dass in zehn Jahren ein Beruf wie der eines Zahntechnikers obsolet geworden sei. 3-D-Drucker können diese Arbeit schneller und noch genauer erledigen. "Aber dann brauchen wir Menschen, die sich durch einen gesunden Hausverstand auszeichnen und mit kreativen Ideen neue Lösungen anbieten können."

Diese Menschen, die über den Tellerrand hinausblicken können, zu Transferleistungen fähig sind, könne das neue Gymnasium ausbilden. Sein Vorgängermodell, das achtstufige, habe da eventuell nicht ganz so gute Dienste geleistet. Die Schüler mussten sich zu viel Stoff in zu kurzer Zeit aneignen. Bei dem vielen Auswendiglernen könnte durchaus der Fokus auf den eigentlichen Denkprozess ins Hintertreffen geraten sein. "Jetzt haben wir wieder ein Jahr mehr Zeit, gleichzeitig sind im Lehrplan aber die fachlichen Inhalte nicht mehr geworden", erklärt Thalhammer. Ein Jahr mehr Zeit, damit sich die Schüler und Schülerinnen zu reiferen Menschen entwickeln, "zu denkenden Menschen", formuliert es der Direktor.

30 Jahre lang den gleichen Job ausüben – das werde es wohl in Zukunft nicht mehr geben. "Unsere Kinder müssen die Kompetenzen erwerben, dass sie sich laufend etwas Neues aneignen können", sagt Thalhammer. Und darauf bereite das neue, neunstufige Gymnasium optimal vor. Die wirklich guten Seiten des G8 fließen auch ins G9: "Es wird weiter die Zeit für Intensivierung in den Kernfächern geben, der hohe Stellenwert der Berufsorientierung bleibt und die integrierte Lehrerreserve – sie hat uns extra Stunden beschert."

Der neue Lehrplan wurde geordnet. Die Macher hätten erkannt, dass man gewisse Inhalte erst in einem bestimmten Alter kapieren kann. "Ein lyrisches Gedicht kann ich nicht mit 13 Jahren interpretieren. Das geht einfach nicht." Soweit durchgedrungen ist, sollen sich die Jugendlichen wieder in den letzten beiden Jahrgangsstufen auf bestimmte Fächer stärker konzentrieren können. Eine Rückkehr zu den beiden Leistungskursen werde es wohl nicht mehr geben, aber etwas Ähnliches. "Das Kultusministerium spricht von einer stärkeren Profilierung", weiß der Direktor. Abitur in den Kernfächern Deutsch und Mathe wird wohl bleiben, überlegt werde aber wohl, ob diese Prüfung nicht mehr schriftlich, sondern nur mündlich abgefragt werde.

Was den jüngeren Schülern Jubelschreie entlocken dürfte: Der Nachmittagsunterricht in den fünften und sechsten Klassen ist gestrichen. "In der siebten Klasse wollen wir Sport nach Neigung anbieten: Volleyball, Klettern, Schwimmen und so weiter. Wenn jeder zwei Stunden lang den Sport ausübt, auf den er Lust hat, empfindet man das nicht als Nachmittagsunterricht, es fördert aber das Gemeinschaftsgefühl."

Internationaler Aspekt rückt stärker in den Fokus

Bereits jetzt und auch zukünftig wird der internationale Aspekt (sprich Fremdsprachenqualifikation) stärker in den Fokus rücken. Das neue G9 biete auch hier mehr Zeit für eine Vertiefung der Sprachfähigkeit in einer Fremdsprache, zumal ja auch jede Fremdsprache mit jeweils zwei bis drei Wochenstunden mehr unterrichtet werde.

Nach mehrmaligem Nachbohren kann man Thalhammer am Ende aber doch ein spontanes, ehrliches "Ja!" entlocken. "Ja!" – er freut sich, dass es wieder zurück geht zum G9. Durchstarten mit dem Porsche.

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aktualisiert: 03.04.2019