Schule daheim: so weit so gut (PNP vom 21.03.2020) von Karin Seidl


Eine Woche lernen die Kinder und Jugendlichen schon zu Hause. Wie klappt’s? Ganz gut, meinen die Leiter der Grundschule Pocking und des Wilhelm-Diess-Gymnasiums. "Etwas nacharbeiten werden unsere Schüler vielleicht schon müssen. Aber offenbar haut alles ganz gut hin." Nun erntet vor allem das Gymnasium in Pocking die Früchte seiner jahrelangen Anstrengungen, die Schule und ihre Schüler fit für das neue digitale Zeitalter zu machen. Lernen via Clouds, Videos und Videokonferenzen ist für die Schüler dort nichts Ungewöhnliches.
Das WDG ist eine Insel der Glückseligen. Das ist dem WDG-Direktor Martin Thalhammer schon auch klar. Er kriegt jetzt Anrufe von anderen Schulen, die nun von ihm wissen wollen, wie sie mit der durch die Corona-Krise verursachten Schulschließung umgehen. "Wir haben zum Beispiel seit sechs Jahren WLAN an der Schule", sagt Thalhammer. Davon kann beispielsweise das Leopoldinum in Passaus Altstadt nur träumen. Jeder Pockinger Gymnasiast hat seine eigene Mailadresse – "jeder Lehrer kann jedes Kind per Mail erreichen", sagt der Direktor. Dazu kommt: Arbeiten in der so genannten Microsoft-Teams-Cloud ist den Mädchen und Jungs von den siebten Klassen aufwärts nicht fremd. "Noch einige Wochen vor Corona haben die 7., 8., 9., 10., 11. und 12. Klassen einen Mathetest geschrieben, bei dem die Vorbereitung dafür nur über die Cloud gelaufen ist", sagt Thalhammer. Das Unterrichtsmaterial dazu stand in der Cloud. Dort fanden die Schüler Videos, wie man die Aufgaben rechnet und wie man sie übt. Der Test dauerte 15 Minuten. Das Ergebnis sei laut Direktor gut ausgefallen: "Das waren lauter 2-Komma-irgendwas-Schnitte."
Damit haben die Schüler und Schülerinnen des WDG zum Beispiel den Gymnasiasten am Leopoldinum in Passau nun einiges voraus. Dort hieß es, sie fänden die Aufgaben auf der Internetplattform Mebis – doch das klappt nicht immer, auch wenn der Hackerangriff überstanden ist. Die Eltern erhalten die Arbeitsaufträge für ihre Kinder auf ihre Mail-adressen, oft mit einem Hinweis der Lehrer versehen, dass die Hausaufgaben von den Erziehungsberechtigten gegengecheckt werden sollen. Und die Schüler selbst? Der Sohn der Redakteurin stöhnt. "Uns wurde schon gesagt, dass wir diese Corona-Ferien nicht als Ferien sehen dürfen. Aber das Lernen daheim ist jetzt schlimmer als in der Schule. Montag, Dienstag und Mittwoch habe ich je eine Stunde Mathematik. Daheim bin ich jetzt mit dem Stoff jeweils gut drei Stunden pro Tag beschäftigt." Anmerkung der Redakteurin: Die Zeitangaben ihres Sohnes kann sie nicht überprüfen, sie ist den ganzen Tag in der Arbeit.
Und wir reden hier nur von Mathematik alleine. Dazu kommen noch die weiteren Fächer Italienisch, Deutsch, Latein. Die Lateinlehrerin kommentierte die leise Kritik der Mutter dazu sinngemäß: Die Krise fordere uns alle, wir müssten zusammenhalten und zusammenarbeiten. Dazu brauche man nun auch die Mithilfe der Eltern.
Die scheint am WDG jedoch auf ein Minimum reduziert zu sein. Zumindest hat den Direktor erst am Donnerstagmorgen die Mail eines begeisterten Vaters erreicht. Er hat gesehen, wie professionell die WDG-Lehrer über die Cloud unterrichten. "Ihnen und dem ganzen Lehrerteam gebührt der größte Respekt. Es ist wunderbar und beachtlich, was die Lehrer hier leisten", überschlägt er sich förmlich mit Lob.

Auch die Rückmeldung der Lehrer sei bis dato durchwegs positiv. "Ich hab jetzt schon öfters gehört, dass die Kollegen keine 45 Minuten – wie in der Schule – brauchen, um den Stoff für eine Unterrichtsstunde zu erklären", sagt Thalhammer. Der Lehrer lässt den Schülern beispielsweise zwei Tage Zeit, um die Aufgaben fertig zu bearbeiten. Die Schüler stellen ihre Lösungen in die Cloud, der Lehrer bewertet sie, kommentiert sie und schickt sie zurück. Unterrichtsbeginn ist übrigens um 7.45 Uhr – auch daheim. Ab da sind die Lehrer online.
Den Eltern der fünften und sechsten Klassen hat das Direktorat einen Elternbrief geschickt mit dem Verweis auf ein Lehrvideo, das den jüngeren Kindern zeigt, wie sie via Cloud unterrichtet werden. Das klappe auch, meint Direktor Thalhammer. Fast beschleicht einen die Frage: Braucht’s dann nach Corona noch die analoge Schule? "Sicher", meint Thalhammer, "nacharbeiten müssen wir schon etwas".
Die digitale Welt an der Grundschule Pocking ist eine andere. Dort kommunizieren die Lehrer mit den Kindern über E-Mails, die überlastete Lernplattform Mebis, falls nötig telefonisch – oder Unterrichtsmaterial erreicht per Post die Kinder. Sei auch schon vorgekommen in dieser Woche, berichtet Grundschulrektor Oswald Robl. Wochenlanges, selbstständiges Lernen daheim – Robl hege da Zweifel, ob das funktioniere, um sich neuen Stoff anzueignen. "Wir an der Grundschule können den Kindern ja sagen, sie sollen Bekanntes wiederholen oder ein Buch lesen." Aber die Kinder freuen sich über jeden Arbeitsauftrag, den man ihnen erteilt. "Bis jetzt habe ich von Seiten meiner Lehrer nur positive Rückmeldungen", erzählt Robl.
Das Abitur an den Gymnasien ist bereits verschoben worden. Was passiert aber mit dem Übertrittszeugnissen an den Grundschulen, die am 4. Mai verteilt werden? Bayerns Kultusministerium meinte dazu, dass die meisten Leistungen dafür ohnehin schon erbracht seien. Jedoch stehen noch Leistungstests aus, die nun nicht mehr erbracht werden können. "Wenn diese Noten das Zünglein an der Waage wären, bin ich gespannt, was passiert", spekuliert Oswald Robl.


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aktualisiert: 03.04.2019