Wie das Breitband unsere Schulen fesselt (PNP vom 30.11.2019) von Reinhard Wilhelm


Ganz schön provokant war das: "Wenn es in fünf Jahren hier noch einen Lehrer gibt, dann stimmt da was nicht." Wie bitte, der Lehrer ein Auslaufmodell? Ja, in China zum Beispiel säßen heute schon Dreijährige vor Tablets mit Lernprogrammen und einem Highspeed-Anschluss, doppelt so stark wie hier an der ganzen Schule.

So frei spricht Frank Ossenbrink (59), diplomierter Geograf und Wirtschaftswissenschaftler, Fotograf, Bildjournalist, Doktor der Wirtschaftsgeografie und Master of communications and art sowie Hauptgeschäftsführer (CEO) der "Media Group Berlin" gerade die, wie er betont, "übernächste Generation" an. In diesem Fall waren das am Donnerstagnachmittag Schüler der 11. Klassen am Wilhelm-Diess-Gymnasium. Die im Informatikraum versammelten jungen Männer und Frauen schauten dabei zum Teil recht ungläubig, staunten und lächelten auch leicht verunsichert ob der für Ossenbrink alles andere als gewagten Thesen. Und ihre Lehrer kamen zeitgleich ebenfalls ins Grübeln. Genau das war auch Ossenbrinks Absicht.

Er kam, wie er beiläufig anklingen ließ, in Zusammenarbeit mit dem vom Bund beauftragten "Bunten Breitband Büro" (BBB) an dieses hierfür speziell ausgesuchte niederbayerische Gymnasium, weil es einen sehr guten Ruf genieße und die Lehrkräfte und Schüler zu den Besten gehörten. Wieder ungläubiges Staunen.

Und das alles vor dem Hintergrund einer nationalen Breitband-Offensive – die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Telekommunikationsunternehmen flächendeckend in Deutschland Gigabit-Netze zu schaffen –, also der allgegenwärtigen Digitalisierung, die vor nichts und niemandem mehr halt macht und unser aller Leben bestimmt bzw. beeinflusst. Leben in Deutschland heißt heute vor allem, in einer Gigabit-Gesellschaft angekommen zu sein, die nahezu vollständig von Informations- und Kommunikationstechnik durchdrungen ist.

"Menschen, Maschinen, Dinge und Prozesse werden nahtlos miteinander vernetzt sein", so propagiert das von Andreas Scheuer geleitete Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) das Heute und die nahe Zukunft bis 2025.

Die Crux, so Ossenbrink: Die hierfür nötigen Betriebssysteme hielten zu 94 Prozent Internet-Giganten wie Google und Apple in Händen. "Wir in Europa haben dem nichts entgegen zu setzen", erklärte er, "das haben wir verschlafen". Und meinte damit vor allem seine Generation, also die in den Fünfzigern und Sechzigern Geborenen.

Er verglich z.B. das Glasfaserkabel mit einer dicken Wasserleitung. Das darin transportierte Gut, in diesem Fall ein schier unendlicher Strom an gebündelten Daten, sei wie das Wasser eigentlich Allgemeingut. Aber nur einige Wenige machten damit die ganz großen Geschäfte.

"Alles ist Business": Ossenbrink versuchte dann auch, den Schülern die Abhängigkeit dieser, unserer Gigabit-Gesellschaft vor Augen zu führen, die sich die Konzerne wiederum zu nutzte machten. Und rief indirekt zum Widerstand auf: "Ihr seid die Fragegeneration, ihr müsst alles hinterfragen", was euch hier als unverzichtbar, als wahr und richtig präsentiert werde, sagte er. Ja, auch das gehörte zur Demokratie. Denn, soviel sei sicher: "Ihr werdet Eure Zukunft nicht mehr ohne Datenwege gestalten können." Also sei es nur angebracht, permanent über die jeweilige Art des Datentransfers, deren Bereitstellung und das Woher nachzudenken und gegebenenfalls selbst für Veränderungen zu sorgen.

Vor, während und nach Ossenbrinks Vortrag hatten die Gymnasiasten die Gelegenheit, die Roadshow "Unterwegs für Deutschlands digitale Zukunft" zu besuchen. Dabei erwartete sie Hightech wie ein 3-D-Drucker oder die Möglichkeit, mittels einer 3-D-Brille in den virtuellen Raum zu sehen und auch zu greifen, etwas "anzufassen". Matthias Schulze-Mantei und Stefan Heilmann (atene Kom) führten die jungen Leute im Auftrag des Bundes durch diese digitale Welt auf vier Rädern und standen Rede und Antwort.

Die als "Breitband@Mittelstand" von der Bundesregierung 2017 unter dem damaligen Verkehrsminister Alexander Dobrindt gestartete Informationskampagne hatte jetzt also auch das Wilhelm-Diess-Gymnasium in Pocking erreicht. Das neun Meter lange und drei Meter hohe "Wohnmobil" mit dem nicht zufälligen amtlichen Kennzeichen B-BB 3456 ist ausgerüstet mit modernster digitaler Technologie und ihren Anwendungen und demonstriert die Leistungsfähigkeit von Breitbandnetzen.

Zu diesem Info-Mobil gesellten sich am Donnerstag auch Pockings 1. Bürgermeister Franz Krah und für den Landkreis Passau der Chef der Breitband-Geschäftsstelle, Georg Braumandl. Schulleiter Martin Thalhammer, der sich von der kurzfristig angemeldeten Ankunft des Info-Busses zunächst schon auch etwas überfahren fühlte, dazu aber gute Miene machte, wollte jedenfalls die Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass bei allen Digitalisierungsbemühungen und der Breitbandthematik das so forcierte digitale Klassenzimmer nicht allein von den Schulen und Lehrkräften zu stemmen sei. Dafür benötigte es weiteres Geld, ja vor allem entsprechendes Techniker-Personal.

Ursprünglich wollte er sein Anliegen der avisierten, aber verhinderten Landrats-Stellvertreterin Gerlinde Kaupa mit auf den Weg geben. Denn vom Kultusministerium höre er in der Sache stets, dafür sei der Sachaufwandsträger – in seinem Fall also der Landkreis – zuständig. Der aber stelle sich auf diesem Ohr taub, ärgert sich Thalhammer. Das liege wohl auch daran, dass die Rechtslage immer noch nicht eindeutig sei, meinte dazu etwa Pockings Bürgermeister Krah schulterzuckend. Auch die Stadt Pocking ist ein so genannter Sachaufwandsträger etwa ihrer Grundschulen.

Und so lange dieser für die Gymnasien, aber auch die anderen Bildungseinrichtungen unbefriedigende Zustand der "Rechtsunsicherheit" anhält, wird es so sein, dass etliche Lehrer für die Digitalisierung an ihrer Schule viele Stunden unentgeltlich technischen Support leisten. Am Wilhelm-Diess-Gymnasium sei das Stunden-Verhältnis derzeit 1:20. Für eine bezahlte bzw. angerechnete Stunde im Dienste des digitalen Klassenzimmers leiste eine Lehrkraft tatsächlich 20 Stunden. Das sei so nicht in Ordnung und auch nicht zukunftsfähig, wie Oberstudiendirektor Martin Thalhammer feststellte.


zurück


  Intern

© WDG - Pocking

aktualisiert: 03.04.2019