Die Lust am Tüfteln (PNP vom 10.10.2018) von Karin Seidl


Leonies Augen weiten sich entsetzt. "Nein! Auf keinen Fall!" Keine zehn Pferde bringen sie noch einmal dazu, diesen Rohrschneider anzufassen. Nicht fürs Foto. Und wahrscheinlich auch nicht mehr die nächsten zwanzig Jahre. Dabei soll doch diese Technik-Rallye gerade bei Mädchen das Interesse für technische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge wecken. Was den Rohrschneider angeht, ist Leonies Bedarf allerdings gedeckt. "Das tut so weh in den Ohren, das halte ich nicht aus." Edgar Brückl blickt ratlos. Als Martin Hillebrand vom Bildungswerk der bayerischen Wirtschaft in den Rohrschneider ein Rohr einzwickt und ein Stück davon abdreht, hört der Lehrer nichts. Nebenbei bemerkt: Auch die Redakteurin nicht. Leonie und drei andere Mädchen dagegen fangen an zum Quietschen. "Auaaaa!" Auf die Antwort Hillebrands hätten Brückl und PNP-Vertreterin liebend gern verzichtet: "Das sind Frequenzen, die hören vor allem junge Mädchen und junge Frauen noch." Pause. "Ältere Erwachsene nicht mehr."

Also Heizungsbauerin wird Leonie schon einmal nicht. Denn in diesem Beruf käme sie ums Hantieren mit dem Rohrschneider nicht herum. An die 100 Mädchen und Buben der sechsten Klassen am Wilhelm-Diess-Gymnasium testen gestern, wie man schraubt, hämmert, knifflige Binärcodes löst, Leder stanzt und mit Lötkolben umgeht.

Vor allem bei letzteren mahnt Hillebrand eindringlich zur Vorsicht: "Pizza backt bei etwa 200 Grad. Niemand von Euch würde auf die Idee kommen, in einen heißen Backofen zu fassen. Zur Info: Die Spitze des Lötkolbens ist 380 Grad heiß." Dafür lässt sich damit prima auf Holz schreiben. Zum Beispiel Texte für Türschilder: "Nicht eintreten...I‘m angry!"

Edgar Brückl, Mitarbeiter im Direktorat, ist nach 45 Minuten froh, dass sich tatsächlich noch niemand verletzt hat. "Keiner hat sich verbrannt – oder sonst was." Hillebrand weiß natürlich die eine oder andere Horrorgeschichte, wie zum Beispiel von dem Jungen, der sich trotz Warnung ein abgeschnittenes Rohrteil über den Finger gezwungen und nicht mehr abgekommen hat. "Als er von der Toilette zurückgekommen ist, war der Finger geschwollen und rot." Die Lösung in solchen Fällen: Ab zum Juwelier oder ins Krankenhaus. Derartige Notfälle bleiben dem Mitarbeiter des Münchner Bildungswerks, studierter Pädagoge, am Pockinger WDG erspart: "Hier passt alles, da passiert nichts", dafür habe er nach so vielen Jahren ein Gespür entwickelt. Baff ist er, als bei einer Frage nahezu alle Hände hochgehen: "Weiß jemand, wie man dieses Gerät hier nennt?" Er hält einen Akkuschrauber hoch. "Hätte ich in München diese Frage gestellt, hätte das vielleicht ein Kind gewusst. Wenn überhaupt."

Das ist mit ein Grund, weshalb die Technik-Rallye mit dem Motto "Hammer und Lötkolben statt Stift und Tafel" an Schulen Halt macht: um den Kindern und Jugendlichen die Augen für die Welt der Technik und Naturwissenschaften zu öffnen. Daran hat vor allem gerade die Metallindustrie hohes Interesse, die händeringend Nachwuchskräfte sucht.

"Es ist nicht immer alles so einfach, wie’s aussieht", merkt Hillebrands Kollegin Angela Eder noch an. "Oft liegt die Lösung nicht gleich auf der Hand." Dann muss man geduldig sein, sich hinhocken und tüfteln. Den Sechstklässlern muss man das gestern nicht zweimal sagen.


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aktualisiert: 30.10.2016